AIDS-Opfer in Afrika: Katholische Kirche ist erste Anlaufstation
Interview mit Jesuitenpater Michael Czerny, Mitbegründer des African Jesuit AIDS Network
Nach UN-Angaben sind mehr als 22 Millionen Menschen in Afrika mit HIV infiziert. Dies macht rund 67 Prozent aller weltweit mit dem AIDS-Virus infizierten Personen aus. Die Mehrheit dieser Personen leben in Afrika südlich der Sahara. Im Jahr 2002 gründete der kanadische Jesuitenpater Michael Czerny das African Jesuit AIDS Network (Afrikanisches Jesuiten AIDS-Netzwerk) in Nairobi, Kenia, als eine Form wie Jesuiten in Afrika dabei helfen können, dem Problem von HIV und AIDS zu begegnen. In diesem Interview erklärt Pater Michael Czerny, der gegenwärtig in Rom als Assistent von Kardinal Peter Turkson wirkt, hoffnungsvolle Strategien zur Eindämmung von AIDS.
Wann haben Sie sich zum ersten Mal um AIDS-Arbeit gekümmert?
-- P. Michael Czerny SJ: Ich arbeitete als Sekretär im Referat „Soziale Gerechtigkeit" im Hauptsitz der Jesuiten in Rom. Damals schlugen ein paar Jesuiten in Afrika Alarm angesichts der drohenden AIDS-Epidemie zur Jahrtausendwende. Und so haben wir hier in Rom zwei Jahre lang mit Kollegen aus Afrika zusammen einen ersten Ansatz erarbeitet. Zum Konzept sollte ein Netzwerk der Unterstützung, Ermutigung und Kommunikation gehören. So entstand schließlich das afrikanische AIDS Netzwerk der Jesuiten, das Mitte 2002 gegründet wurde. Schließlich gab ich meine Arbeitsstelle in Rom auf und ging nach Nairobi, um dieses Netzwerk zu leiten.
Woran denken Sie zuerst, wenn die Sprache auf AIDS kommt?
-- P. Michael Czerny SJ: Manchmal denke ich an Menschen, von denen ich am Anfang zu Hause in Kanada gehört habe, die so viel Leid in riesiger Angst und Verwirrung durchmachen mussten. Das war während der späten 80er und in den frühen 90er Jahren. Jetzt denke ich an die verschiedenen Menschen in Afrika. Vielleicht würde ich besonders Rosanna erwähnen: eine junge HIV-positive Frau, die zuerst einen Sohn gebar, der negativ war und dann eine Tochter bekam, die positiv war. Sie verlor schließlich nicht nur ihr Kind, sondern sie wurde auch von ihrem Mann verlassen. Ihre Familie schloss sie aus, und so kämpft sie jetzt darum, ihren Jungen aufziehen zu dürfen. Sie ist sehr optimistisch eingestellt und hat einen energischen Lebenswillen. Sie kämpft darum, dass ihr Sohn seine Schulausbildung absolviert und einen guten Start ins Leben bekommt. Ich bewundere sie und ich spüre, dass sie zu den Menschen gehört, deren Lebenseinstellung wir gerne - in gewissem Sinn - fördern möchten. Wir wünschten uns, dass jeder mit HIV-Infizierte die optimistische Einstellung hegen würde, die Rosanna hat.
Die katholische Kirche wird oft wegen ihrer Grundoptionen, was AIDS angeht, kritisiert. Währenddessen leistet sie wertvolle Arbeit. Können Sie uns etwas darüber berichten?
-- P. Michael Czerny SJ: Gewiss. Die Weltkirche ist einer der großen Anlaufstellen für diejenigen, die HIV-positiv sind, und diejenigen, die an AIDS leiden. Sie kümmert sich aber nicht nur um die Betroffenen, sondern auch um die Angehörigen - vor allem um Witwen, Waisen und andere, die in Mitleidenschaft gezogen sind. Also gibt es ein breites Spektrum von Engagement, das von der Kirche geleistet wird. Wenn man es aus medizinischer Sicht betrachtet, ist die Kirche weltweit für 25 Prozent der AIDS-Dienste verantwortlich. Meine Vermutung ist, dass der Durchschnitt dieser Leistungen in Afrika fast 40, vielleicht sogar 50 Prozent beträgt. Je weiter man von den großen Städten absieht, leistet die Kirche fast 100 Prozent aller Dienste. Die einzigen AIDS-Anlaufstellen in den abgelegenen Gebieten sind zumeist die Kliniken der Kirchen.
Was heißt AIDS-Fürsorge für sie?
- P. Michael Czerny SJ: HIV und AIDS sind ja nicht nur auf eine Infektion oder Krankheit beschränkt. Deshalb sind auch enorme kulturelle, persönliche, familiäre, soziale und spirituelle Probleme damit verknüpft. Die Kirche kümmert sich deshalb um den Menschen in all seinen Dimensionen. Darauf können wir stolz sein, dass für die Kirche die ganze Person wichtig ist und nicht nur die Infektion - nicht nur der medizinische Teil. Also eine HIV-positive Person kann von der Kirche eine breite Palette von Pflegediensten und Unterstützung erwarten. All das hinterlässt bei der Person das Gefühl, sich akzeptiert zu fühlen und ermutigt zu werden, weiterhin mit soviel Lebensqualität wie möglich zu leben. Dies ist wichtig, damit es Aids nicht erlaubt, wird zum Todesurteil zu werden.
Wie würden diese Hilfseinsätze der Kirche aus afrikanischer Sicht gewertet?
-- P. Michael Czerny SJ: Ich denke, dass viele Afrikaner sagen würden: "Die Kirche war schon vor AIDS bei uns. Die Kirche ist jetzt, während AIDS wütet, großzügig mit uns, und die Kirche wird auch nach AIDS mit uns sein". In diesem Sinne wird die Kirche nicht so sehr als Anbieter von Projekten oder als Dienstleister gesehen, sondern als die Wirklichkeit, die wir "Mutter" nennen würden: die Mutter, die da ist, die es schon immer gab und die einfach zu Verfügung steht, solange sie gebraucht wird. Sie wissen, dass sich die Kirche in Afrika Familie Gottes nennt. Das ist die Begrifflichkeit, die auf der ersten Afrika-Synode aufkam. Im Grunde kümmert sich die Kirche um HIV-Infizierte und AIDS-Kranke wie um eine Familie. Wir versuchen, jedem das Gefühl zu geben, dass er und sie Teil einer Familie sind, ob sie nun irgendeiner Form von Betreuung bedürfen oder in der Lage sind, irgendeine Art von Betreuung zu bieten.
Sie haben einmal die Bibelstelle aus dem 8. Kapitel des Matthäusevangeliums, Vers 3, als Gleichnis für das AIDS- Engagement der Kirche verwendet ...
-- P. Michael Czerny SJ: Da ist dieser Aussätzige, der es gewagt hat, sich Jesus zu nähern, was schon an sich einen Gesetzesverstoß darstellt. Er forderte ihn heraus, indem er sagte: "Wenn du willst, kannst du mich heilen", und Jesus tat daraufhin zwei Dinge. Er sagte: "Ich will", und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und heilte ihn. In dieser sehr kurzen Szene finden wir alle Dimensionen der AIDS-Hilfe, des wahren pastoralen Dienstes. Die erste ist: "Natürlich will ich", es ist diese Bereitschaft zu helfen. Jemand, der in großen Schwierigkeiten steckt, sehr aufgeregt ist und vielleicht sehr grausam von allen zurück gewiesen worden ist, kann zur Kirche kommen und dort eine positive Erfahrung machen. Es wird zu keiner Verurteilung kommen. Es gibt kein Kalkül, die Antwort lautet: "Natürlich wollen wir". Zweitens gehen wir aus uns heraus, und wir berühren Menschen. Ich denke, es ist die fundamentale Geste als Antwort auf AIDS.
So berührt Christus durch die Kirche diese Menschen ...
-- P. Michael Czerny SJ: Jemand, der erst vor kurzer Zeit gehört hat, er sei HIV-positiv, fühlt sich so gut wie tot. Er spürt instinktiv, dass er in einer unmenschlichen und hoffnungslosen Gesellschaft, Kultur und manchmal sogar in der Familie einen Umgang erfährt, der ihn wie einen Toten behandelt. Sie sagen förmlich damit: "Es gibt dich nicht mehr für uns. Du bist für uns gestorben. Mach, dass du wegkommst. Wir wollen dich nie mehr wiedersehen". Überlegen Sie mal, was dies für ein Kind bedeutet, wie es darunter zu leiden hat. Welche Auswirkungen hat das auf sein Selbstwertgefühl, seine menschliche Entwicklung?
Außerdem gab es damals sehr starke kulturelle und medizinische Tabus was die Berührung eines Aussätzigen angeht. Jesus durchbrach alle diese Tabus. Er macht sich weniger Sorgen um die Gefahr der Infektion als um die Person selbst, die er berühren wollte, um ihr heilende Nähe und Berührung zu schenken.
Und das ist, was die Leute wirklich sagen: "Als ich das erste Mal herausfand, dass ich [HIV] positiv bin, fühlte ich mich wie tot, und jetzt fühle ich mich lebendig." Und manche Menschen gehen sogar noch weiter und sagen: "Bevor ich [HIV-] positiv wurde, habe ich mein Lebens verschleudert. Ich habe mein Leben durch mein Fehlverhalten einfach weggeworfen. Nun, leider bin ich HIV-positiv, aber jetzt will ich wirklich leben, und ich will in meinem Leben auch Verantwortung für meine Familie tragen - wenn ich mal eine haben werde- und für andere da sein."
Papst Benedikt XVI. löste eine gewisse Kontroverse aus, als er unterstrich, dass Kondome nicht die einzige Lösung für das AIDS-Problem in Afrika sein könnten.
-- P. Michael Czerny SJ: Es gibt eine "Überzeugung", die manche Anhänger hat, und sie lautet folgendermaßen: Wenn ein Paar sich für die Verwendung von Kondomen entscheidet und einer von ihnen ist positiv und sie das Kondom konsequent und richtig verwenden, wird ihr Infektionsrisiko verringert. Das mag bei einem Paar gutgehen. Aber wenn das dann auf Völker übertragen wird und sie denken: "Naja, wenn dies Kondom gut für ein Paar war, dann müssen eine Million Kondome gut für die Bevölkerung einer Stadt sein", und das ist nicht wahr. Statistiken bestätigen, dass die Verbreitung von Kondomen als Präventionsstrategie nicht gelingt.
Es senkt die Rate bei den Infektionen nicht, und das ist, was der Heilige Vater meint. Er leugnete nicht, dass ein Kondom manchmal nützlich sein kann. Was er ablehnte, war die Förderung von Kondomen als Primärprävention. Eine Strategie, die schlicht nicht erfolgreich ist. Es führt zu keiner Senkung der durchschnittlichen HIV-Rate in der Bevölkerung. Aber die Leute haben sich sehr aufgeregt, weil sie das nicht vertiefen und gar nicht genau auf das hören, was er nun gesagt hat. Gerade weil sie nicht gut informiert sind und eine Menge von Ideologien, Emotionen und Interessen hinter dieser ganzen Problematik steckt, gab es derartig viel Streit.
Wissenschaftler sprechen von der Wichtigkeit eines verantwortungsbewussten Sexualverhaltens zur Eindämmung dieser Pandemie. Gibt es einen Bruch zwischen den Werten der afrikanischen Kultur und den Kulturimporten der westlichen Welt?
-- P. Michael Czerny SJ: Ja, es gibt einen Bruch zwischen dem, was jetzt in unserer globalen Kultur als normal oder akzeptabel gilt, und den traditionellen katholischen und traditionellen afrikanischen Werten. Das betrifft die Kultur der Medien, der Werbung, des Marketings. Es reichte, auf den Wert von Vertrauen und Gegenseitigkeit als kulturellen Wertmaßstab einer globalisierten Kultur in Bezug auf Sexualität zu verweisen, also die Förderung der Idee von einem gegenseitigen Einvernehmen als Norm. Das heißt, dass die Mindestanforderung für sexuelle Aktivität die geleistete Zustimmung der beiden Beteiligten ist. Und solange die beiden Beteiligten über ein Mindestalter verfügen und ihrer freien Zustimmung geben, gibt es keinen weiteren Normen, die zur Anwendung kämen. Das ist die Stoßrichtung der globalisierten Kultur in Bezug auf Sexualität. Solange du und der andere das in Ordnung finden und niemand das in Frage stellt, geht das so. Die Vorstellung, die wir in der Kirche pflegen, und die Vorstellungen, die wir in Afrika haben, ist, dass es auch noch andere Normen gibt, und dass diese Normen nicht nur von dir und mir abhängen: Sie hängen von unserer Familie ab, sie werden von unserer Gemeinschaft mitbestimmt, sie stammen von unserer Pfarrgemeinde, sie gehören zu unserer Nation und vielleicht sogar zu unserem Stamm. Diese Vorstellung stößt gerade auf heftigen Widerspruch, denn in Afrika und in der traditionellen katholischen Moral gilt nicht nur das, was Sie und ich auf für richtig halten, es gibt auch andere Normen, und die Normen sollen in der Tat orientieren. ...
Die afrikanischen Bischöfe haben von Enthaltsamkeit und Treue gesprochen und betont: Dies ist der Weg zum größeren Glück, dem größeren Gut...
-- P. Michael Czerny SJ: Das ist richtig. Wir sagen dies nicht, weil wir von gestern sind, sondern das ist unsere Erfahrung. Und das ist die Erfahrung einer jeden ernsthaften Kultur; dass Sexualität ein großes Geschenk ist, eine wunderbare Sache, die, um wirklich geschätzt und gelebt zu werden, Disziplin erfordert, Normen braucht und Wissen. Es verlangt anzuerkennen, dass eben nicht immer alles möglich ist. Es geht um erprobte menschliche Weisheit, aber es steht gewiss im Widerspruch zu den Grundsätzen von reiner Unterhaltung und Marketing, und so sind wir mitten in einem Konflikt.
Tatsache ist, dass HIV eine Herausforderung für uns darstellt. In Afrika betrifft das praktisch jede Gemeinde und in einigen Orten sogar jede Familie. Ich denke, es wird Zeit brauchen, dem wirklich ins Gesicht zu schauen. Wahrhaftig ist die massive Werbung für Kondome schädlich.
Es ist keine Antwort auf das Problem und hilft auch nicht. Aber leider ist es nicht das einzige Beispiel für verqueerte Ansätze, die Afrika auferlegt worden sind. Afrika hat schon so manche fehlorientierte Politik überlebt und wird auch dies überleben. Aber meine Hoffnung ist, dass mit der Art von Weisung, die der Heilige Vater gegeben hat, Fortschritte erzielt werden können und sich diese besseren Statistiken niederschlagen wird. Der eigentliche Erfolg besteht darin, dass junge Menschen ihre Sexualität verantwortungsbewusst leben. Wenn Ehepaare ihre Sexualität verantwortlich praktizieren und die Familie Gottes AIDS als eine geeinte Familie angeht, dann ist das eine Zeichen von Gottes Wirken in Afrika.
[Dieses Interview wurde von Mark Riedemann für die wöchentliche Fernseh- und Radiosendung „Wo Gott weint" des katholischen Radio- und Fernsehsenders CRTN in Verbindung mit dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not" geführt.
Источник: http://www.zenit.org/